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Französisch LK Ring

Paris im Jahre 1972 - es ist früher Morgen in der Stadt der Liebe.
Die Sonne schickt ihre ersten wärmenden Strahlen aus, und vertreibt die letzten Spuren des Frühnebels, der Paris eine diffuse, surreale Erscheinung verleiht.
Tausende Straßenkehrer bereiten ihre Stadt auf den neuen Tag vor – der betörende Duft der Boulangerien wird schon jäh durch den Gestank von Autoabgasen gestört.
Doch noch bevor die Flut von Menschen aller Nationalitäten Paris und seine Metroschächte bevölkern und ein Durchkommen auf der Champs-Elysée unmöglich machen, streift eine Gestalt schon seit Stunden von einer inneren Unruhe getrieben über die Boulevards.

Ruhlos. Rastlos. Suchend. Nach einer Antwort. Der Antwort auf die eine Frage:

Welches ist mein Platz in dieser Welt? Was meine Bestimmung?

Eine Antwort auf diese Frage hatte Julite bereits – die ihrer Eltern: Nach dem Abitur sollte sie Deutsch und Französisch auf Lehramt studieren – ein solides Leben in geregelten Bahnen führen. Doch war das die Aufgabe, die ihrem Leben einen Sinn verleihen sollte?
Während sie ihren Gedanken nachhing, und die Eindrücke der erwachenden Stadt in sich aufsog, wusste sie plötzlich, was ihre Zukunft war. Es gab keine andere Möglichkeit.

Ein Mann, hatte ihr Leben bis zu diesem Zeitpunkt schon so sehr geprägt, dass sie ihre Liebe zu ihm nicht mehr geheim halten durfte.
Ein Mann, dessen Charisma sie in früheren Jahren schon fasziniert hatte und der bewirkt hatte, dass aus einer harmlosen Freundschaft eine glühende Liebe entbrannt. war.
Es war der Crêpes-Verkäufer von Montmartre. Es war Alfred M..

Ihre Liebe, feuriger als eine Crêpes-Sucette, konnten sie nur im Verborgenen leben, doch damit sollte jetzt Schluss sein.
Julitte wollte ihre Eltern mit der Wahrheit konfrontieren – sie wollte ihren Traum leben und mit Alfred glücklich werden.
So oft hatte er schon von ihr verlangt, sich endlich öffentlich zu ihm zu bekennen – nie war sie seiner Forderung nachgekommen.
Doch heute – die Sonne stand im Zeichen der Jungfrau – sollte alles anders werden.

Was Julitte nicht wusste: Ihr Leben würde noch in den nächsten Minuten eine tragische Wendung nehmen.
Am Fuße des Montmartre zerplatzten ihre Träume wie eine Seifenblase.
Julitte blickte fassungslos auf die Stelle, die jahrelang der Treffpunkt der heimlichen Liebenden gewesen war.
Der Crêpes-Stand war verschwunden. Julittes Gefühle überschlugen sich. Kalte Schauer liefen ihr über den Rücken, sie vermochte kaum mehr zu atmen.

Aus der Zeitung erfuhr sie später, dass Alfred sie Hals über Kopf verlassen hatte. Die von Julitte in seinen Augen verleugnete Liebe war ihm aussichtslos erschienen – er hatte es nicht länger ertragen.
Wie blanker Hohn erschien es ihr da, dass er wenige Jahre darauf eine Stelle als Französischlehrer im grenznahen Saarbrücken annahm.
Julitte fügte sich von da an widerstandslos in die elterlichen Vorstellungen ein.

Doch als es auch sie, viele viele Jahre später, ans Ludwigsgymnasium nach Saarbrücken verschlug, brachen all die ungeliebten Erinnerungen an jenen Morgen 1974 in Paris wieder aus ihr heraus und Alfred, welcher nun derjenige war, der ihre ehemalige Liebe verleugnete, begrüßte sie mit einem distanzierten Händedruck als neue Kollegin.

Von diesem Tag an, gewinnen nun Schülergenerationen für Schülergenerationen den Eindruck, dass zwischen Frau Ring und Herrn A. Müller eine gewisse Antipathie herrscht – aufgrund beruflicher Divergenzen? Unterschiedlicher Lehrmethoden? Nein!
Jedes Mal, wenn J. Ring mit einer ihrer Klassen Crêpes backt, lässt sich in ihren Augen noch ein Schimmer von Wehmut erkennen und man gewinnt den Eindruck, als fühle sie sich für einen kurzen Moment in das Paris der 70er Jahre zurückversetzt.

 

...press in de Kopp! Der Abiturjahrgang 2003 des LG Saarbrücken